Eilig stieg man ins Auto, um Frau Schönlinner nach Trostberg zu holen. Aber die gute Frau hatte es sich inzwischen wieder anders überlegt. Sie hatte sich ins Bett gelegt und wollte es unter keinen Umständen an diesem Tage wieder verlassen, weil sie nicht mehr verkaufen wollte. Aber Herrn Petruschke vom Straßenbauamt Traunstein gelang es schließlich unter Aufbietung seines ganzen Charmes, die Frau zum Aufstehen zu bewegen. Alles atmete sichtlich erleichtert auf, als alle Beteiligten beim Notar unterschrieben hatten. Nun konnte auch dieses letzte Hindernis beseitigt werden. Inzwischen hatten auch die übrigen Grundanlieger ihr Einverständnis gegeben (viele mußten Grund abtreten und ihre Gartenzäune zurücksetzen).

Nun konnte aber noch nicht mit dem Straßenbau begonnen werden. Die Behörde verlangte, daß vor dem Straßenbau die Kanalisation und das Fernsprechkabel verlegt werden. Schweren Herzens entschloß sich der Gemeinderat angesichts des drohenden Aufschubes der Straßenbauarbeiten, der Forderung nach dem Bau der Kanalisation zuzustimmen. Wie schwer der Entschluß fiel, wird begreiflich, wenn man weiß, daß damals die Kanalisation von Altenmarkt auf 2 1/2 Millionen DM veranschlagt war.

Also begannen im Februar 1961 die Kanalisationsarbeiten (1. Bauabschnitt). Sie wurden ausgeführt von der Altenmarkter Baufirma Streitwieser. Es war keine leichte Arbeit, weil der starke Verkehr durch Altenmarkt so wenig wie möglich behindert werden sollte. Die Baufirma mußte dafür sorgen, daß eine Straßenhälfte jeweils für den Verkehr frei blieb. Durch Verkehrsampeln wurde dann der Verkehr geregelt. Im Bereich der Engstelle beim Buchnerhaus wurde der Verkehr für die Dauer der Kanalarbeiten ganz gesperrt. Während der Personenwagenverkehr notdürftig innerhalb des Ortes umgeleitet werden konnte, mußte der Lastkraftwagenverkehr in Richtung Traunstein über Obing-Seebruck- und in entgegengesetzter Richtung über Stein-Palling-Tyrlaching-Trostberg umgeleitet werden. Wenn dann manchmal ein Lastwagen trotz des Verbotes in den Ort einfuhr, gab es riesige Verkehrsstauungen, bis es gelungen war, das Gefährt nach rückwärts wieder aus dem Ort herauszubringen. Die nachfolgend gezeigten Fotos zeigen am eindrucksvollsten, daß sich Altenmarkt in eine Baustelle verwandelt hatte. Die Fußgänger mußten über die Aushubhaufen klettern, weil die halbseitige, noch zur Verfügung stehende Straße dem Verkehr kaum genügte. Leider stehen aus 1961 keine Verkehrszählungen zur Verfügung. Aber 1963 ergab eine Zählung für Altenmarkt 6033 Fahrzeuge im Jahresdurchschnitt, bezogen auf 24 Stunden.

 
Altenmarkt während der Kanalbauarbeiten im September 1961

Aber es sollte noch schlimmer kommen.Zu Pfingsten 1962 begann dann der Ausbau der Straße selbst. Die Straßenbaufirma Josef Riepl in München hatte den Auftrag erhalten. Sie begann mit einem in Altenmarkt noch nicht gesehenen Elan und Maschinenpark mit dem Aufbruch der Straße, dem Einbringen des Unterbaues und des Belages.

Die Arbeiten behinderten den Verkehrsfluß noch mehr als die Kanalarbeiten. Die Fahrzeuge mußten lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Oft stauten sich die wartenden Fahrzeuge in langen Schlangen bis nach Grassach und Stein und auf der anderen Seite bis fast nach Mögling. Ungeduldige Fahrzeuglenker begannen ob der langen Wartezeiten erbost zu hupen und steckten damit auch die anderen an. So manches ohrenbetäubendes Hupkonzert mußten die Altenmarkter über sich ergehen lassen. - Die Fußgänger mußten wieder über die Dreckhaufen kraxeln. Ganz Altenmarkt war wiederum für Monate eine einzige Baustelle. Es war ungemütlich.